Jubiläumsschrift 1975

100  Jahre   Darmstädter Schachgeschichte

Im Jahre 1875 berichtet die Deutsche Schachzeitung in ihrem 11. Heft, daß sich in Darmstadt im Hotel zur „Post" unter der Leitung des Gerichtsschreibers August Kümmel ein Schachklub gebildet hatte. Besonders erwähnt wurde ein Gymnasiast, der an vier Brettern „blindlings" — also ohne Ansicht von Brett und Figuren — gleichzeitig spielen konnte. Sein Name war Alexander Fritz, der in den folgenden Jahren zu den besten deutschen Blindspielern zählte. Seiner Spielstärke und dem rührigen Präsidenten August Kümmel ist es zu verdanken, daß der Schachklub in Darmstadt einen raschen Aufschwung erhielt und bald über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und geschätzt war. Als Zeichen der Dankbarkeit stifteten die Mitglieder ihrem Präsidenten am zehnjährigen Stiftungsfest einen silbernen Pokal, der noch heute als „August-Kümmel-Gedächtnis-Pokal" ausgespielt wird. Verbandswettkämpfe im heutigen Sinne gab es damals noch nicht und so waren Vergleichskämpfe der Städte untereinander große Mode. Die Chronik berichtet im Jahre 1913 von einer Einladung des Mainzer Schachklubs, unterzeichnet von Julius Reiber, dem späteren Bürgerneister von Darmstadt. Doch auch namhafte Schachmeister wie Bogoljubow, Lasker, Nimzowitsch und Sämisch waren in Darmstadt zu Gast und stellten die Darmstädter Schach Spieler in Simultanveranstaltungcn vor große Aufgaben. Anläßlich seines 50-jährigen Bestehens war der Schachklub 1875 Darmstadt Ausrichter der Hessischen Schachmeisterschaft. Sieger wurde der Frankfurter Meisterspieler W. Orbach. Unter den Teilnehmern befanden sich Oberlandesgerichtsrat W. Orth sowie H. Flander und H. Sixt. Zur 60-Jahr-Feicr fand unter der Turnierleitung von Ehrenmitglied Drews und den Assistenten Pflugfelder und Spatz ein offenes Turnier statt, das Engel vor Säfnisch gewann. Über eine Simultanveranstaltung des Weltmeisters Aljechin im Jahre 1942 im „Saalbau" weiß die Chronik leider nur wenig zu berichten. Doch auch Spieler aus den eigenen Reihen waren so stark, Simultanwettkämpfe zu bestreiten. Im Jahre 1932 trat H. Flander im „Kaisersaal" in der Grafenstraße gegen 20 Schachspieler an und verlor keine Partie! In der Bombennacht am 11. September 1944 verlor der Schachklub 1875 unter dem damaligen Vorsitzenden H. Wilzek sein gesamtes Spielmaterial und das Klubheim in der Gaststätte ,,Sitte". Unter den Opfern dieses Bombenangriff befand sich auch der langjährige Klubmeister W. Orth. In der zerstörten Stadt hatte jedes Vcreinslcben aufgehört und so schlossen sich viele Schachspieler dem 1924 gegründeten Schachklub in Eberstadt an. Doch schon ein Jahr nach Kriegsende bildete sich in Darmstadt wieder ein Schachverein. Philipp Eichamüllcr — heute Ehrenvorsitzender - gründete 1946 die Schachabteilung der Turn- und Sportvereinigung Darmstadt (TSV). Aus dieser Schachabteilung und einigen Spielern des Schachklubs 1924 Eberstadt, der inzwischen als Abteilung der Sport- und Kulturgemeinde beigetreten war, wurde am 22. Januar 1950 der Schachklub 1875 Darmstadt wieder gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern befand sich Bürgermeister Julius Rcibcr und der bekannte Schachspieler und Problemkomponist Dr. John Niemann. Ehrenmitglieder wurden Prof. Punga und Prof. Weißgcrber. Den Vorsitz übernahm Philipp Eichamüller. Diese Neugründung erwies sich für die Entwicklung des Schachspiels nach dem Krieg als vorteilhaft. Das Spielniveau stieg rasch an und bald war Darmstadt die Schachhochburg Südhessens. Im Jahre 1951 spielte eine Mannschaft bereits in der Hessischen Landesklasse. Doch auch an Einzelleistungen kann der Schachklub einiges vorweisen. Frau Juliane Hund wurde 1959 Hessische Meisterin und Deutsche Vizemeisterin, ihr Gatte, Gerhard Hund, wurde im gleichen Jahr Hessischer Vizemeister und holte den Pokal „Goldener Springer" des Hessischen Schachverbandes erstmals nach Darmstadt. Mit den Schülern Peter Kopp und Martin Krönkc stellte der Schachklub in den Jahren 1965 und 1970 den Hessischen Jugendmeister. Freundschaftsspiele und Simultanveranstaltungen gehören ebenso zum Schachgeschehen wie kampfbetonte Turnierpartien in den Verbandsklassen. Erwähnt sei hier nur die Begegnung mit dein Log Cabin Chess Club New Jersey aus den USA. Freundschaftliche Beziehungen verbinden heute den Schachklub mit dem Internationalen Großmeister Lothar Schmid, der, ebenso wie der Internationale Großmeister Wolfgang Unzicker, zu Simultanwettkämpfen in Darmstadt zu Gast war. Räumliche Schwierigkeiten, deren Auswirkungen einige Jahre später das Gesicht des Schachklubs 1875 verändern sollten, führten zu einer starken Beeinträchtigung des Spielbetriebes. Die Folge war, daß sich eine Gruppe von Mitgliedern - hauptsächlich Schachspieler der 1. Mannschaft — absonderten und im Jahre 1961 eine Schachabteilung beim Tennis- und Eisklub (TEC) gründete. Diese spielerische Einbuße konnte jedoch aufgefangen werden und eine neue Mannschaft behauptete sich wieder in der höchsten hessischen Spielklasse. Im Jahre 1969 mußte sich der Schachklub ein neues Spiellokal suchen. Da alle Bemühungen beim Hotel- und Gaststättengewerbe einen geeigneten Raum zu finden erfolglos waren, schloß sich der Klub einem Sportverein an. Am 1. Juni 1969 kam es zu einer Fusion mit der Turn- und Sportgemeinde 1846 Darmstadt, die zur Gründung einer Schachabteilung führte. Den Vorsitz übernahm Franz Hofmeister. Zwei Jahre später übergab er dieses Amt an den heutigen Abteilungsleiter Günter Weber. Seit der Neugründung im Jahre 1950 sieht der Schachklub in der Jugendarbeit eine seiner höchsten Aufgaben. Diese Arbeit hat sich immer gelohnt und dient der geistigen und charakterlichen Erziehung junger Menschen. In seiner 100 jährigen Geschichte war der Schachklub 1875 Darmstadt jederzeit ein würdiger Vertreter des königlichen Spieles. Durch Höhen und Tiefen gehend, hat er seine höchste Aufgabe nie übersehen: die Förderung des Schachspiels.

 
 
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